Prädikat besonders wertvoll

Drachen Mädchen

"Wenn du es lange genug durchhältst, kannst du eines Tages dein Haupt erheben."

 

ÜBER DIE PRODUKTION

PRODUKTIONSNOTIZEN

Die erste Recherchereise unternahm Inigo Westmeier Anfang 2009. Dabei entstanden bereits die ersten Bilder, die als Rückblenden im Film verwendet wurden. Er lernte schon damals die beiden Protagonistinnen Xin Chenxi und Huang Luolan kennen. Im Herbst 2010 nahm Tom Wommer, der ausführende Produzent die ersten Kontakte zu staatlichen Einrichtungen, Behörden, Studios und Produktionsfirmen auf. Im Dezember 2010 fanden in Peking erste offizielle Verhandlungen statt, die aber einige Monate später an „bürokratischen“ Problemen auf chinesischer Seite scheiterten. Im Februar 2011 führte ein Kontakt in Shanghai zu einer sehr guten Zusammenarbeit mit einer dort ansässigen Produktionsfirma. Durch deren tatkräftige Unterstützung bei schier endlosen, zähen Verhandlungen mit Behörden und der Tagou Schule konnten sie im Mai 2011 dann endlich eine Drehgenehmigung ergattern.
Die erste Drehphase im Sommer 2011 ging über 22 Drehtage, hinzu kamen aber noch viele Reisetage zwischen der Tagou Schule inder Henan Provinz (Zentralchina) und den Heimatorten von Xin Chenxi (Provinz Zhejiang im Süd-Osten Chinas, ca. 1400 km von der Schule entfernt), dem Dorf von Chen Xi (Provinz Jiangxi in Südchina, ca. 1000 km von der Schule entfernt), und Huangs Heimat Shanghai (im Osten Chinas, ca 1000 km von der Schule entfernt).
In der zweiten Drehphase im Dezember 2011 gab es insgesamt acht Drehtage und wieder diverse Reisetage. Für die Massenszenen auf dem Appellplatz und einige andere Einstellungen wurde extra ein 12-Meter-Kran aus dem 1000 km entfernten Shanghai gebracht. Der an jedem Sonntag stattfindende Massenappell, den sie während der Sommerdrehphase dreimal miterlebt hatten, war jedes Mal ein „schaurig-schönes“ Erlebnis: Es war eine Mischung aus Bewunderung für diese Massen-Choreografie und dem Befremden über dieses „Reichsparteitags-Feeling.“

INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR

Wie sind Sie auf die Idee zu DRACHENMÄDCHEN gekommen?
Ich habe selbst Kung Fu trainiert. Die Mönche, die das unterrichteten, kamen auch aus der Stadt, in der ich für DRACHENMÄDCHEN gedreht habe. Einmal war ein etwa 7-jähriger Junge zu Besuch beim Training, der die Wand hoch gerannt ist. Als Kameramann war ich gleich davon fasziniert.

So kam Ihnen die Idee in dieser Schule zu drehen?
Ja, ich wollte aber kämpfende Mädchen filmen, die dort zur Kämpferin ausgebildet werden. Jungen, die Kung Fu trainieren, die gab es ja schon des Öfteren in Dokumentationen zu sehen. Ich fand es auch deshalb interessant mit Mädchen zu drehen, weil diese in China ja immer noch nicht so viel wert sind wie Jungen und es dadurch oft schwerer haben.

Was ist die Motivation der Eltern, ihre Kinder dort auf die Schule zu schicken?
Eine bessere Zukunft für die Kinder. Die meisten aus der Schule arbeiten danach bei der Polizei oder beim Militär. Dort verdienen sie auf jeden Fall mehr als ein Bauer, Fabrikarbeiter oder Melonenverkäufer. Xin Chenxi ist im Eliteteam. Darauf ist sie sehr stolz. Ihr Vater ist Melonenverkäufer, für ihn sind die 300 Euro im Jahr Schulgebühren sehr, sehr viel Geld.

Wie haben Sie aus der Masse der Mädchen die drei Schülerinnen gefunden?

Ich war auf Recherchereise für den Film. Da war noch Ferienzeit in der Schule. Es waren nicht alle da, aber es gibt viele, die auch in den Ferien weiter trainieren und nicht nach Hause fahren können. Da war auch die kleine Xin Chenxi. Es war unheimlich kalt, denn in der Schule gibt es keine Heizung. Ich war in eine dicke Daunenjacke verpackt. Sie hatte nur ihren roten Trainingsanzug an und trug rosa Ohrenwärmer in Herzform. Und ihr Schwert hatte sie die ganze Zeit in der Hand. Sie war entzückend. Huang habe ich auch auf der Recherchereise kennen gelernt. Das Material, das ich damals mit ihr gedreht habe, ist im Film geblieben. Man sieht Huang mit einer anderen Schülerin beim Training. Diese tritt sehr fest zu. Man sieht, dass es Huang sehr weh tut. Als ich noch einmal hingeflogen bin zum eigentlichen Casting, habe ich sie gesucht. Aber Huang war bereits von der Schule nach Shanghai geflüchtet. Ich habe sie dort gefunden und fand es spannend, dass sie einen Gegenpol zur Schule bildet und ich offen mit ihr reden konnte. Während der Interviews in der Schule war ja immer jemand von der Schule dabei.

Bei den Interviews war die ganze Zeit jemand dabei?
Ja, da sitzt immer ein Angestellter der Schule dabei und passt auf, was gefragt wird. Es darf nichts Negatives über die Schule geredet werden. Ich glaube aber, ich habe das ganz gut hinbekommen. Wenn der Aufpasser mal kurz weg war, fragte ich schnell etwas abseits der abgesprochenen Fragen. Es gab auch zusätzlich jemanden von der chinesischen Produktion, der die ganze Zeit über dabei war, um sich zu vergewissern, ob auch alles in Ordnung ist. Das war aber nicht so schlimm. Je länger wir gedreht haben, umso lockerer wurden sie. Die Schule, in der wir gedreht haben, ist sehr groß für so eine kleine Stadt. Direkt neben der Schule befindet sich das Shaolin Kloster, die Wiege des Kung Fu. Schule und Kloster sind ein wenig im Streit, weil die Schule den Namen einfach verwendet und das Kloster findet, dass sie das nicht dürfen. Das Kloster repräsentiert eher die alten Ideologien des Kung Fu und die Schule eher die Industrialisierung und Vermarktung des Kung Fu. Ich habe die beiden, den Schulleiter und den Mönch deshalb wie eine Art Streitgespräch hintereinander geschnitten.

Wie haben Sie Ihre dritte Protagonistin gefunden?
Die Produktion hat mir gesagt, ich hätte zwei Tage Zeit für das Casting. Ich kam morgens um 9 Uhr an. Vor mir standen 2000 Mädchen aufgereiht da, alle mit dem gleichen roten Trainingsanzug, alle hatten schwarzes Haar. Jeweils eine ist vorgetreten und ich sollte sie sortieren: die vielleicht, die nicht. Ich habe das bei den ersten beiden so gemacht und dann gesagt: „Stopp“. Mir kam das furchtbar vor, so auszusortieren. Also gab es eine Planänderung. Ich bekam einen kleinen Raum, in dem ich mit den Mädchen einzeln reden konnte. Das war viel besser. Diejenigen, die in die engere Wahl kamen, habe ich dann mit der Kamera interviewt, aber nur ganz kurz. Ich versuchte herauszufinden, wer ehrlich aus dem Herzen spricht. Ganz viele reden, wie sie denken, dass man reden soll, aber sie sprechen nicht aus sich heraus.          

Sie haben sich alle 2000 Mädchen angehört?
Ja, das dauerte sehr lange. Ganz am Ende waren 20 in der engeren Auswahl. Für den Dreh hatte ich dann noch fünf Protagonistinnen. Bei den Fünf waren noch die beiden von der ersten Recherchereise dabei, Chen Xi ist neu dazugekommen. Wir haben mit fünf Mädchen gedreht. Es gibt auch von den beiden anderen, die jetzt nicht mehr im Film sind, eine komplette Geschichte.

Wie haben Sie sich auf die Interviews vorbereitet?
Ich habe einen langen Fragenkatalog vorbereitet und bin im nachhinein froh darüber. Ich denke, dass es uns gelungen ist, hinter die Fassade zu blicken. Das ist in Asien sehr schwierig, denn man zeigt keine Emotionen. Vor allem als kleine Kämpferin macht man das nicht. Da kommt so ein Weißer an und will etwas erfahren, was noch überhaupt gar keiner weiß, nicht mal die Familie oder die Trainerin. Was ist dein schlimmstes Ereignis? Was ist dein schönstes Erlebnis? Ich bin in Belgien aufgewachsen und sehr viel herumgereist. Ich habe in vielen Ländern gedreht. Das Drehen an sich ist nicht so anders, ob ich nun in Afrika, Thailand oder China bin. Ich sehe immer den Menschen vor meiner Kamera. Aber natürlich ist es in China noch ein wenig schwieriger, hinter die Fassade zu kommen oder über Emotionen zu reden, denn wenn man weint, hat man das Gesicht verloren. Und jetzt zeige ich in meinem Film, dass ein Mädchen weint. Aber im Endeffekt macht das die kleine Heldin noch stärker.

Wird der Film auch vor allen Schülern in der Schule gezeigt?
Vielleicht. Er wird der Schulleitung gezeigt. Ich weiß nicht, ob die Schulleitung ihn dann den Schülern und Schülerinnen zeigt. Ich glaube nicht, dass der Schulleitung der Film so gut gefallen wird. Ich glaube, er ist ihnen zu kritisch, obwohl ich ihn gar nicht so kritisch finde. Ich wollte, dass jeder sich seine eigene Meinung bilden kann. Die Anfangsszene ist ja sehr aufwändig mit einem Kran gedreht … Ja, ich hatte einen Krantag, den ich auch gut genutzt habe. Das war ein 12-Meter-Kran, der aus 1000 Kilometern Entfernung gebracht wurde, aus Shanghai. Da kam ein Kran-LKW mit fünf Leuten, aber ohne Operator. Ich musste selbst den Kran bedienen und Operator spielen. So oft habe ich das noch nicht gemacht, denn ich hatte zwar oft bei Werbedrehs einen 12-Meter-Kran, aber da war immer ein Operator dabei. Aber ich hab mein Bestes gegeben, und ich glaube, es ist auch ganz gut geworden.

Wie gelingt es Ihnen Regie und Kamera gleichzeitig zu machen?
Ich baue gerne die Kamera auf und warte dann bis etwas Gutes passiert. Es ist wichtig, sich dafür kurz vor dem Dreh Zeit zu lassen. Ich blicke dann auch nicht in den Sucher der Kamera, sondern schaue mich einfach im Raum um. Die Leute sehen, dass ich nicht drehe, und machen etwas anderes. Dabei entstehen meist die besten Momente. Oder ich gebe vor, fertig zu sein und drehe dennoch weiter. Das ist auch gut sobald die Leute denken, es ist abgedreht, zeigen sie eher Emotionen. Ich habe einen Monitor auf der Kamera, damit ich ganz nebenbei auf den Monitor blicken kann. Wichtig ist, dass die Protagonisten sich vor der Kamera entspannen. Der zweite wichtige Regiepart sind die Fragen. Die habe ich vor dem Dreh gut vorbereitet, es waren ungefähr 30 Fragen. Es werden nie alle beantwortet, bei ganz wenigen Fragen bekommt man richtig gute Antworten. Bei manchen Fragen wusste ich nicht, ob sie kindgerecht sind, etwa bei der kleinen Xin Chenxi. Erstaunlicherweise waren gerade diese ganz leicht für sie zu beantworten

Zum Beispiel?
Was ist dein Lebensmotto? Da sagte die Kleine sofort: „Tränen sind Ausdruck von Unfähigkeit“. Das hat mich schon überrascht. Aber bei der Frage „Was würdest du jetzt machen, wenn du nicht trainieren müsstest?“ ist ihr lange nichts eingefallen.

Wie lautet die wichtigste Botschaft in Ihrem Film?
Das Thema Zeit ist mir sehr wichtig. Wie viel Zeit verbringen wir mit unseren Kindern? Wie viel Zeit wenden wir für Arbeit auf? Eltern arbeiten in China rund um die Uhr und die Kinder auch, damit sie es einmal besser haben. Beide erhoffen sich, eines Tages gemeinsam Zeit zu verbringen. Der Vater von Xin Chenxi, der Melonenverkäufer, sagt: „Die Zeit kann ich nicht mehr nachholen. Ich hoffe, sie wird mir das später einmal verzeihen.“ Das ist schon traurig. Sind die Kinder, die sie zeigen, im Herzen wie „unsere“ Kinder? Im direktem Vergleich zwischen China und hier finde ich die Sichtweise meiner Söhne spannend. Das war übrigens auch meine Sichtweise in der Kindheit: Ich habe mir immer gedacht, ich werde älter und die ganze Welt wartet auf mich. Bei diesen kleinen Mädchen ist das anders. Sie trainieren ganz hart, wissen aber: Wenn ich hier fertig bin, bin ich nicht die´Einzige. Es warten Tausende andere darauf, den ersten Platz bei einem Wettkampf zu belegen. Sie wissen, 26 000 andere wollen wie ich die Beste werden. Und das ist nur meine Schule. In ganz China gibt es viele Schulen und alle wollen die Besten sein. Jobs kommen in China nicht einfach auf einen zu, sondern es gibt immer zehntausend andere, die den gleichen Job haben wollen. Dieses Bewusstsein haben die Kinder dort von klein auf und das prägt sie. In Europa sind wir dagegen mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es wichtig ist, einen Job zu machen, der einem persönlich Spaß macht.

Was war denn der schönste Moment während des Drehs?
Es wurde ständig von allen gesagt, es geht nicht, es ist unmöglich. Die Übersetzerin, die Schule, die Produktion, alle haben gesagt: das geht nicht, das ist unmöglich. Fragen waren zu emotional, wir durften nicht im Frauentrakt drehen und und und. Jeden Abend habe ich gedacht: Ich habe es doch wieder geschafft, das Unmögliche möglich zu machen.

Crew

ANDREAS SIMON (PRODUZENT)
INIGO WESTMEIER (BUCH, REGIE, KAMERA, PRODUZENT)
BETTINA BROKEMPER (KOPRODUZENTIN)
TOM WOMMER (AUSFÜHRENDER PRODUZENT)
BENJAMIN QUABECK (BUCH, SCHNITT, CO-PRODUCER)
LEE BUDDAH / PHILIP STEGERS (MUSIK)